E-Scooter-Unfälle haben sich verdoppelt – jetzt kommt die Gefährdungshaftung
Die Zahlen sind eindeutig und alarmierend: In 2025 ereigneten sich 16.496 E-Scooter-Unfälle mit Verletzten, bei denen 38 Menschen ums Leben kamen, wie das Statistische Bundesamt im August 2026 bekannt gab. Zum Vergleich: Im Jahr 2022 waren es noch 8.341 Unfälle mit Personenschaden. In nur drei Jahren hat sich die Unfallzahl nahezu verdoppelt – und die Politik reagiert. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) fordert jetzt die Einführung einer Gefährdungshaftung für E-Scooter, wie sie bereits für Autos gilt.
Parallel zu den steigenden Unfallzahlen zeigt sich ein massiver Boom bei der Verbreitung: Ende 2025 waren rund 1,66 Millionen E-Scooter versichert. Zum Vergleich: 2022 lag die Zahl noch bei knapp 764.000 Fahrzeugen. Damit hat sich der Bestand innerhalb von drei Jahren mehr als verdoppelt. Doch während immer mehr Menschen auf den elektrischen Tretroller setzen, steigt auch das Risiko – vor allem für junge Fahrer.
Dramatischer Anstieg bei Verkehrstoten
Besonders besorgniserregend ist die Entwicklung bei den Todesfällen. Im Vergleich zu 2022 hat sich die Zahl der Todesopfer bei E-Roller-Unfällen von 11 auf 27 mehr als verdoppelt – und das bereits bis 2024. Die Zahlen für 2025 liegen mit 38 Toten noch einmal deutlich höher. Zum Vergleich: Bei Fahrradunfällen gab es 2022 rund 470 Verkehrstote – bei einer ungleich größeren Fahrzeugflotte.
Viele Jugendliche nutzen E-Scooter im Alltag, doch die Unfallzahlen steigen. Fachleute warnen vor Risiken und fordern eine bessere Verkehrsausbildung, berichtet Heise Online Anfang August 2026. Vor vielen Schulen in Deutschland zeigt sich jeden Morgen dasselbe Bild: Aus allen Richtungen kommen Jugendliche auf E-Scootern angebraust, mal allein, mal verbotenerweise zu zweit. Die Statistik spiegelt diese Altersverteilung deutlich wider: 48,6 Prozent der verunglückten E-Scooter-Fahrenden waren jünger als 25 Jahre, 82 Prozent immer noch jünger als 45 Jahre.
Alkohol und falsche Straßenbenutzung als Hauptursachen
Die Unfallursachen sind erschreckend banal – und vermeidbar. Häufigste Unfallursachen waren die falsche Fahrbahnnutzung und das Fahren unter Alkoholeinfluss. Konkret zeigen die Destatis-Zahlen: Bei rund 18 Prozent aller E-Scooter-Unfälle mit Personenschaden war Alkohol im Spiel. Das ist deutlich mehr als bei anderen Verkehrsmitteln.
Das Problem: Viele Nutzer unterschätzen die Gefahr. Nach einem Kneipenbesuch erscheint der E-Scooter als praktische Alternative zum Auto oder zur Straßenbahn. Doch mit 0,5 Promille drohen bereits empfindliche Strafen – genau wie beim Autofahren. Die kleinen Räder, fehlende Knautschzonen und hohe Geschwindigkeiten bis 20 km/h machen E-Scooter bei Unfällen gefährlicher, als viele denken.
Die zweite Hauptursache – falsche Straßenbenutzung – betrifft vor allem das Fahren auf Gehwegen. Erlaubt sind E-Scooter nur auf Radwegen oder der Fahrbahn. Dennoch fahren viele Nutzer illegal auf Bürgersteigen, was nicht nur Fußgänger gefährdet, sondern auch die Scooter-Fahrer selbst.
Leih-Scooter haben doppelt so hohe Schadenquote
Ein besonders interessanter Aspekt der aktuellen GDV-Statistik betrifft den Unterschied zwischen privaten und gemieteten E-Scootern. Im Jahr 2025 kamen bei privaten Fahrzeugen sechs Haftpflichtschäden auf 1.000 versicherte E-Scooter. Bei Leih-Scootern lag die Quote mit 13 Schäden je 1.000 Fahrzeuge mehr als doppelt so hoch.
Woran liegt das? Sharing-Scooter werden oft spontan genutzt, teilweise unter Alkoholeinfluss, und häufig von Personen, die wenig Erfahrung mit dem Fahrzeug haben. Private Scooter-Besitzer hingegen kennen ihr Gerät besser, nutzen es regelmäßiger und fahren tendenziell verantwortungsvoller. Insgesamt registrierten die Versicherer 2025 rund 11.700 Haftpflichtschäden mit E-Scootern – Tendenz steigend.
Gefährdungshaftung soll Geschädigte besser schützen
Aktuell gilt für E-Scooter eine reine Verschuldenshaftung. Bislang müssen Geschädigte nachweisen, dass der Fahrer den Schaden schuldhaft verursacht hat. Mit der vorgesehenen Gefährdungshaftung soll künftig in der Regel bereits der Nachweis genügen, dass der Schaden beim Betrieb eines E-Scooters entstanden ist.
Das wäre ein Paradigmenwechsel. Bei Autos gilt die Gefährdungshaftung bereits seit Jahrzehnten: Wer ein gefährliches Fahrzeug im Verkehr führt, haftet grundsätzlich für Schäden – unabhängig von einem konkreten Verschulden. Die GDV argumentiert, dass E-Scooter durch ihre Geschwindigkeit und Bauart ein ähnliches Gefährdungspotenzial haben wie Kraftfahrzeuge und deshalb gleich behandelt werden sollten.
Kritiker befürchten steigende Versicherungsprämien. Tatsächlich dürften die Kosten für die Haftpflichtversicherung zunehmen, wenn Versicherer häufiger und einfacher in Anspruch genommen werden können. Auf der anderen Seite könnte die Gefährdungshaftung auch präventiv wirken: Wer weiß, dass er im Schadensfall fast automatisch haftet, fährt möglicherweise vorsichtiger.
Städte im Fokus: Wo E-Scooter-Unfälle passieren
Die allermeisten E-Scooter-Unfälle ereignen sich in Großstädten. Das ist wenig überraschend, denn dort sind sowohl Sharing-Anbieter als auch private Nutzer besonders aktiv. Die Destatis-Daten zeigen: Etwa 65 Prozent aller E-Scooter-Unfälle mit Personenschaden passierten 2022 in Städten mit mindestens 100.000 Einwohnern. Mehr als 40 Prozent entfielen auf Metropolen mit über 500.000 Einwohnern.
In Berlin, Hamburg, München, Köln und Frankfurt konzentrieren sich nicht nur die meisten Fahrzeuge, sondern auch die meisten Unfälle. Hier treffen dichter Verkehr, enge Radwege, Fußgängerzonen und hohe Scooter-Dichte aufeinander. Viele Städte haben bereits reagiert: mit Parkverbotszonen, Geschwindigkeitsbegrenzungen in bestimmten Bereichen und verschärften Kontrollen.
Helmpflicht? Fehlanzeige – trotz schwerer Kopfverletzungen
Ein Thema, das in der Debatte immer wieder auftaucht, ist die Helmpflicht. Wie beim Fahrrad gibt es auch für Fahrten mit dem Elektroroller keine Helmpflicht. Dabei wären gerade Kopfverletzungen durch Helme deutlich vermeidbar. Die Destatis-Studie erfasst allerdings nicht, wie viele Verunglückte einen Helm trugen – eine Datenlücke, die Verkehrsexperten kritisieren.
Politisch ist eine Helmpflicht für E-Scooter derzeit nicht absehbar. Zu groß ist die Sorge, dass eine solche Regelung die Akzeptanz der Mikromobilität gefährden könnte. Viele Sharing-Nutzer würden vermutlich auf E-Scooter verzichten, wenn sie einen Helm mitführen müssten. Andererseits: Bei E-Bikes bis 25 km/h gibt es ebenfalls keine Helmpflicht – und die fahren genauso schnell wie E-Scooter.
Was bedeutet das für Nutzer?
Die aktuellen Zahlen sollten alle E-Scooter-Nutzer aufrütteln. Wer regelmäßig fährt, sollte einige Grundregeln beachten: Niemals unter Alkoholeinfluss fahren, nur auf zugelassenen Verkehrsflächen unterwegs sein, vorausschauend fahren und im Idealfall einen Helm tragen – auch wenn keine Pflicht besteht. Gerade bei Leih-Scootern, die oft technisch schlechter gewartet sind als private Geräte, lohnt sich vor Fahrtantritt ein kurzer Check: Funktionieren beide Bremsen? Ist der Lenker fest? Sind die Reifen in Ordnung?
Für Städte und Sharing-Anbieter bedeuten die steigenden Unfallzahlen ebenfalls Handlungsdruck. Bessere Schulungen, verpflichtende Einführungsvideos in Apps, technische Sperren in Gefahrenzonen und strengere Wartungsintervalle könnten helfen, die Schadenquote zu senken.
Die Diskussion um die Gefährdungshaftung wird in den kommenden Monaten an Fahrt aufnehmen. Ob und wann eine entsprechende Gesetzesänderung kommt, ist offen. Sicher ist: Das rasante Wachstum der E-Scooter-Flotte und die parallel explodierende Unfallstatistik werden die Politik zum Handeln zwingen. Wer heute einen E-Scooter nutzt oder kauft, sollte sich darauf einstellen, dass strengere Regeln und höhere Versicherungskosten nur eine Frage der Zeit sind.
Quellen: GDV-Schadenstatistik E-Scooter 2025, Heise Online: Gefährlicher Hype
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