Motorradmarkt wächst um 18 Prozent – CFMoto holt auf die Platzhirsche auf
Nach einem desaströsen Jahr 2025 dreht sich der Wind für die Motorradbranche in Deutschland: Nach sieben Monaten liegen die Neuzulassungen der Motorräder zu 17,6 Prozent über dem Vorjahr. Was nach einer simplen Erholungsbewegung klingt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als struktureller Umbruch – denn die größten Gewinner sitzen nicht in München, Hamamatsu oder Bologna, sondern in Hangzhou.
Die aktuellen Zahlen des Industrieverbands Motorrad zeigen: Im Juni wurden 23.496 Maschinen neu zugelassen, ein Plus von 32,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat, und von Januar bis Juni kamen insgesamt 114.324 Neuzulassungen zusammen, was einem Zuwachs von 27,7 Prozent entspricht. Das sind rund 25.000 Motorräder mehr als im gleichen Zeitraum 2025 – ein beachtlicher Zuwachs, der allerdings mit Vorsicht zu interpretieren ist.
Euro-5-Plus-Effekt verzerrt die Statistik – aber nicht vollständig
2024 war ein künstliches Boomjahr: Vor Inkrafttreten der verschärften Abgasnorm Euro 5 Plus deckten sich viele Käufer vorsorglich mit Motorrädern ein. 2025 folgte die Ernüchterung mit 162.009 Neuzulassungen, einem Rückgang um 35,5 Prozent. Die aktuelle Erholung ist also teilweise eine statistische Gegenbewegung.
Doch die Branchenexperten sind sich einig: Das klingt zunächst nach einem klaren Aufwärtstrend, ganz so einfach ist die Lage aber weiterhin nicht, denn wegen der bekannten Euro-5-Plus-Effekte lässt sich derzeit noch nicht sauber sagen, ob sich dieses Niveau über das Jahr hinweg trägt. Interessant wird der Blick auf das Gesamtjahr 2026, wenn sich zeigt, ob der deutsche Motorradmarkt tatsächlich auf ein stabiles Fundament zurückgefunden hat oder ob es sich nur um eine temporäre Korrektur handelt.
Die 125er als Wachstumsmotor – und Einfallstor für neue Player
Besonders dynamisch entwickelte sich dabei die 125er-Klasse, die einmal mehr das Wachstum treibt. Das ist kein Zufall: Die Führerscheinklasse A1 ist für viele Einsteiger die erste Berührung mit motorisiertem Zweirad. Wer mit 16 Jahren den A1-Führerschein macht oder über die B196-Erweiterung auf leichte Motorräder zugreifen kann, landet häufig in diesem Segment.
Genau hier setzen chinesische Hersteller an. Marken wie CFMoto, Voge, Kove oder Benelli bieten technisch ausgereifte 125er zu deutlich niedrigeren Preisen als die japanische oder europäische Konkurrenz. CFMoto kann mit den Modellen 450 MT und 675 SR-R weiter Boden auf die etablierten Marken gutmachen – in den Top 50 finden sich zwei weitere Modelle der Marke, was für den starken Marktauftritt in Europa spricht.
Während CFMoto mit der 450 MT und der 675 SR-R in der Mittelklasse punktet, zeigt sich der Erfolg besonders in der Breite: Vier CFMoto-Modelle in den Top 50 der Zulassungsstatistik sind ein Zeichen dafür, dass die Marke nicht mehr nur als Billig-Alternative wahrgenommen wird, sondern als ernstzunehmender Wettbewerber mit vollwertigem Portfolio.
BMW bleibt vorn – aber die Marktanteile verschieben sich
Bei den Modellen dominiert weiterhin die BMW R1300GS, dahinter tummeln sich Budget-Maschinen der Japaner Kawasaki, Honda und Yamaha. BMW bleibt also Marktführer, sowohl bei den Herstellern als auch mit dem Zugpferd R1300GS, das seit Jahren die Zulassungslisten anführt. Doch der Vorsprung bröckelt: Mit 3.592 neu zugelassenen Zweirädern liegt der Hersteller 3,8 Prozent über dem Vorjahreswert – ein mageres Plus angesichts des Gesamtwachstums von knapp 18 Prozent.
Das bedeutet im Umkehrschluss: Andere Hersteller wachsen deutlich schneller. CFMoto oder Voge rücken mit Macht in Bereiche vor, in denen bislang vorwiegend etablierte Namen standen. Die Japaner – vor allem Kawasaki – profitieren ebenfalls überproportional, was auch an aggressiver Preispolitik und attraktiven Einsteigermodellen liegt.
Bemerkenswert ist auch, wer in den Top 20 fehlt: In den Top 20 fehlen Suzuki, Triumph, Ducati und Harley-Davidson. Gerade Suzuki, einst eine feste Größe im deutschen Markt, kämpft offenbar mit der Modellpalette. Triumph und Ducati spielen traditionell eher im Premium-Segment, wo die Volumina niedriger sind. Harley-Davidson leidet weiterhin unter dem schwindenden Interesse an klassischen Cruisern.
Enduros und Supermotos boomen
Größte Gewinner ist das Segment der Enduros und Supermotos – was nicht zuletzt am erweiterten Modellangebot von Suzuki und Ducati liegt. Suzuki hat mit der DR-Z4S und der V-Strom-Familie wieder stärker im Adventure-Segment positioniert, Ducati mit der Multistrada und der Desert X. Auch hier profitieren aber chinesische Anbieter: Kove etwa bietet mit der 450 Rally eine günstige Alternative zu KTM und Husqvarna.
Sind E-Motorräder schon ein Faktor?
Während die Zahlen vor allem die Entwicklung bei Verbrennungsmotorrädern widerspiegeln, stellt sich die Frage: Wie groß ist der Anteil von E-Motorrädern am Wachstum? Die Statistik weist Elektromotorräder nicht separat aus, doch Branchenbeobachter berichten von einem leichten, aber kontinuierlichen Anstieg. Marken wie Zero, Energica, Cake oder LiveWire verkaufen nach wie vor überschaubare Stückzahlen – meist im zwei- bis dreistelligen Bereich pro Jahr in Deutschland.
Interessant wird es in der 125er-Klasse: Hier treten zunehmend elektrische Äquivalente an, die mit A1-Führerschein fahrbar sind, etwa von Super Soco, Kollter oder Askoll. Sie profitieren von niedrigen Unterhaltskosten und dem Interesse junger Fahrer an alternativen Antrieben. Doch auch hier gilt: Die absolute Marktdurchdringung ist noch gering, der Trend aber erkennbar.
Die chinesischen Hersteller, die bei Verbrennern so erfolgreich sind, haben auch im E-Motorrad-Segment interessante Modelle im Portfolio. CFMoto etwa hat mit der Zeeho Cyber-Reihe elektrische Naked Bikes vorgestellt, die technisch auf Augenhöhe mit westlichen Konkurrenten liegen. Ob und wann diese nach Deutschland kommen, ist noch offen – aber die Produktpipeline ist gefüllt.
Was bedeutet der Trend für Käufer und Händler?
Für Motorradkäufer ist die Entwicklung grundsätzlich positiv: Mehr Wettbewerb bedeutet bessere Preise und mehr Auswahl. Wer vor fünf Jahren für eine vollausgestattete 125er noch 5.000 Euro hinblättern musste, bekommt heute chinesische Alternativen ab 3.500 Euro – mit ABS, LED-Beleuchtung und zeitgemäßem Design. Auch in höheren Klassen drücken CFMoto, Voge und Co. auf die Preise.
Für Händler ist die Situation ambivalent: Einerseits ziehen die Verkaufszahlen an, was grundsätzlich gut fürs Geschäft ist. Andererseits sinken die Margen, weil chinesische Hersteller mit aggressiver Preispolitik arbeiten. Serviceverträge und Zubehörverkauf werden wichtiger, um profitabel zu bleiben. Zudem müssen Händler mehr Marken führen, um konkurrenzfähig zu bleiben – was Lagerhaltung und Schulung komplexer macht.
Ausblick: Wird 2026 ein Normaljahr?
Die Branche blickt mit vorsichtigem Optimismus auf die zweite Jahreshälfte. Sollte das Wachstum anhalten, würde Deutschland 2026 auf etwa 200.000 Neuzulassungen kommen – ein Niveau, das vor dem Euro-5-Plus-Boom als normal galt. Die eigentliche Frage wird sein, wie stabil dieses Bild im weiteren Jahresverlauf bleibt.
Entscheidend wird auch die wirtschaftliche Gesamtlage: Motorräder sind Freizeitanschaffungen, die bei Rezessionsängsten schnell zurückgestellt werden. Wirtschaftliche Unsicherheiten und ein zurückhaltendes Konsumklima ließen Käufer bei größeren Freizeitanschaffungen zögern – das war 2025 ein Belastungsfaktor und könnte es auch 2026 wieder werden.
Klar ist: Die Machtverhältnisse im deutschen Motorradmarkt sind in Bewegung. BMW, Honda, Yamaha und Kawasaki dominieren weiterhin, aber chinesische Marken sind nicht mehr zu ignorieren. Wer als etablierter Hersteller nicht mit attraktiven Preisen und zeitgemäßer Technik reagiert, wird Marktanteile verlieren. Der Motorradmarkt 2026 ist kein Selbstläufer mehr – er ist ein Wettbewerbsmarkt geworden.
Fazit: Erholung ja, aber mit neuen Vorzeichen
Die Zahlen nach sieben Monaten 2026 sind ermutigend: Ein Plus von 17,6 Prozent bei den Neuzulassungen zeigt, dass der deutsche Motorradmarkt nach dem Krisenjahr 2025 wieder auf Kurs ist. Doch die Erholung ist kein simples Zurück zur alten Ordnung. Chinesische Hersteller wie CFMoto, Voge oder Kove haben sich etabliert und verändern die Marktstruktur nachhaltig. Die 125er-Klasse boomt, Enduros und Supermotos liegen im Trend, und selbst E-Motorräder gewinnen langsam an Bedeutung.
Für Käufer heißt das: Mehr Auswahl, bessere Preise, aber auch die Notwendigkeit, sich intensiver mit unbekannteren Marken auseinanderzusetzen. Für die etablierten Hersteller heißt es: Aufwachen und dem Preisdruck standhalten – oder Marktanteile verlieren. Der Motorradmarkt 2026 ist wieder lebendig. Aber er gehört nicht mehr allein den alten Platzhirschen.
Quellen: Motoin Motorrad-Neuzulassungen 2026, Tourenfahrer Marktentwicklung Juni 2026
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