Jeder vierte E-Bike-Besitzer ignoriert Akkubrand-Risiken
Sie laden über Nacht in Kellern, Treppenhäusern oder Wohnungen, oft mit billigen Ersatzladegeräten, manchmal mit sichtbaren Beschädigungen am Gehäuse: Lithium-Ionen-Akkus von E-Bikes und E-Scootern. Dass von ihnen eine reale Brandgefahr ausgeht, ist längst bekannt. Neu ist jedoch, wie sorglos viele Besitzer mit dem Risiko umgehen. Eine aktuelle Studie des Kuratoriums für Verkehrssicherheit (KFV) aus Österreich zeigt alarmierende Zahlen: 25 Prozent der E-Bike-Besitzer und sogar 30 Prozent der E-Scooter-Nutzer ergreifen keinerlei Sicherheitsmaßnahmen gegen einen möglichen Akkubrand. Die im August 2026 veröffentlichte Untersuchung, für die 1.014 E-Bike- und E-Scooter-Besitzer ab 16 Jahren befragt wurden, legt ein gefährliches Sicherheitsdefizit offen – und das, obwohl die Schadensfälle zunehmen.
In Großbritannien rücken Feuerwehren mittlerweile durchschnittlich alle fünf Stunden wegen eines Lithium-Ionen-Akkubrands aus, so der britische Versicherer QBE. Auch in der Schweiz werden die Fälle spürbarer: Im Januar 2026 etwa brannte in Gossau SG ein E-Scooter-Akku und richtete einen Schaden von 200.000 Franken an. In Deutschland werden Akkubrände nicht separat erfasst, sondern unter der Kategorie „Elektrizität“ verbucht, die mit 26,9 Prozent die zweithäufigste Brandursache darstellt. Eine deutsche Untersuchung ergab, dass 2024 rund ein Fünftel dieser Brände mit Lithium-Ionen-Akkus in Verbindung standen.
Nicht die Häufigkeit macht Akkubrände gefährlich, sondern die Intensität
Die KFV-Studie stellt klar: Das eigentliche Problem ist nicht die statistische Wahrscheinlichkeit eines Akkubrands – diese liegt bei unter einem Prozent –, sondern die Wucht, mit der ein solcher Brand abläuft. „Wenn’s brennt, dann richtig und mit schwerwiegenden Auswirkungen, die vom Totalverlust des Fahrzeugs über Wohnungsbrände bis zu schweren Verletzungen und psychischen Folgen reichen können“, so die Experten. Die Schäden durch E-Bike-Akkubrände liegen laut dem Versicherer Wertgarantie zwar unter einem Prozent, doch ein einzelner Fall kann katastrophale Folgen haben.
Gemessen an der großen Zahl von rund 7,1 Millionen E-Bikes, die seit 2021 in Deutschland unterwegs sind, passieren Akkubrände zwar selten. „Das kommt nicht häufiger vor als bei Handys“, bestätigt auch ein Fahrrad-Experte der Dekra. Doch die Energiemenge in E-Bike-Akkus liegt mit 500 Wattstunden und mehr deutlich über der eines Smartphone-Akkus. Diese hohe Energiedichte macht Lithium-Ionen-Akkus im Brandfall so gefährlich: Sie können nicht mit normalem Wasser gelöscht werden, da dies zu gefährlichen Verpuffungen führt. Die giftigen Dämpfe schaden zudem der Gesundheit.
Unsachgemäße Handhabung ist die häufigste Brandursache
Die häufigste Brandursache ist nicht ein technischer Defekt, sondern menschliches Fehlverhalten: unsachgemäße Handhabung, fahrlässige Nutzung beschädigter Akkus und vor allem das Laden mit falschen oder minderwertigen Ladegeräten. Besonders riskant ist das Laden beschädigter Akkus, warnen Experten einhellig. Die häufigste Zeit für Akkubrände ist während des Ladens und Entladens. Eine chinesische Studie zeigt einen engen Zusammenhang zwischen Ladegerät und Batterie als Brandursache. Weit über die Hälfte aller Brände entstehen nachts bis in die frühen Morgenstunden, während die Besitzer schlafen.
Im Internet werden zahlreiche Akkus für gängige E-Bike-Antriebe angeboten, die deutlich unter dem Neupreis einer Originalbatterie liegen. Dirk Zedler vom gleichnamigen Sachverständigenbüro warnte bereits im Sommer 2024 im ARD Marktcheck vor günstigen Alternativen. Nicht nur die Verarbeitungsqualität sei bei billigen Imitaten oft minderwertig. Auch das Batteriemanagementsystem (BMS) könne mit hochwertigen Akkus nicht mithalten. Hochwertige BMS kommunizieren mit jeder einzelnen Zelle im Akku und gewährleisten, dass jede Zelle optimal geladen wird, während Überladung und Tiefenentladung unterbleiben – beides kann dem Akku schwer schaden.
Zertifizierte Akkus der großen Hersteller sind sicher
Experten aus aller Welt sind sich einig: Zertifizierte und geprüfte Akkus der großen Hersteller Sony, Samsung und Panasonic sind sicher. Moderne Akkumulatoren verfügen über ein Batterie-Management-System, das ein Überladen verhindert und die Zellen vor Überhitzung schützt. Brände sind dementsprechend Einzelfälle, das zeigen auch Statistiken zu Akkubränden bei Elektroautos. Dennoch sollte ein Akku nicht dauerhaft am Netz hängen. Ideal bei längerer Nichtbenutzung ist eine Ladekapazität von 40 bis 70 Prozent. Ein komplett voller Akku besitzt eine stärkere thermische Energie, die sich bei einem Brand explosionsartig entfalten kann.
Ein Drittel der E-Bike-Besitzer hat keine Versicherung
Die KFV-Studie offenbart ein weiteres Sicherheitsdefizit: Trotz des höheren Anschaffungspreises haben ein Drittel der E-Bike-Besitzer keine Versicherung, bei E-Scootern sind es nur 20 Prozent. Dabei kann ein Akkubrand erhebliche Schäden verursachen. Die Hausratversicherung übernimmt Schäden am Mobiliar, während die Wohngebäudeversicherung Schäden an Wänden oder Böden abdeckt. Mieter können sich auf ihre Privathaftpflichtversicherung verlassen, wenn Schäden am Eigentum des Vermieters oder der Nachbarn entstehen.
Das mangelnde Risikobewusstsein zeigt sich auch darin, dass 25 bis 30 Prozent der Besitzer keinerlei Vorsichtsmaßnahmen treffen. Dabei gibt es wirksame Schutzmaßnahmen: Geeignete Akkutaschen und Boxen für E-Bike-Akkus bieten präventiven Brandschutz. Die Taschen sind aus feuerfestem oder feuerhemmendem Material gefertigt. Ein in Brand geratener Akku richtet nur wenig Schaden an, wenn dieser in einer feuerfesten Akku-Tasche gelagert wird. Gleichzeitig bieten die Akkutaschen auch Schutz beim Laden, denn die Lithium-Ionen-Akkus können beim Laden in den Taschen gelagert werden.
Feuerfeste Boxen mit automatischem Löschsystem
Einen alternativen Ansatz verfolgen feuerfeste Boxen für E-Bike-Akkus. Häufig sind die Boxen selbst nicht feuerfest, aber dafür mit entsprechendem Löschgranulat gefüllt, das bei einem Akkubrand eine Art automatisches Löschsystem darstellt. Gerät ein in der Box gelagerter E-Bike-Akku in Brand, schmelzen die sogenannten Pyrobubbles und kapseln den Akkubrand ein.
Neben speziellen Schutzbehältern sind folgende Maßnahmen entscheidend: Zum Laden von E-Bike-Akkus sollte ausschließlich das mitgelieferte Ladegerät verwendet werden, auf billige Ersatzgeräte ist besser zu verzichten. Auch wenn diese teurer sind – mit Original-Teilen vom Fahrradhersteller ist man sicherer unterwegs. Steht das Rad länger still, sollte man den Akku entnehmen und sicher lagern. Akkus sollten nicht bei extremen Temperaturen geladen oder gelagert werden. Bei sichtbaren Beschädigungen am Akkugehäuse, nach Stürzen oder bei Verformungen muss der Akku sofort außer Betrieb genommen und fachgerecht entsorgt werden.
Was tun, wenn der Akku brennt?
Den Akkubrand sollte man keinesfalls selbst mit Wasser löschen, da das zu gefährlichen Verpuffungen führen kann. Außerdem schaden die giftigen Dämpfe beim Einatmen der Gesundheit. Im Brandfall gilt: Sofort die Feuerwehr rufen, sich und andere in Sicherheit bringen und den Raum lüften, falls möglich. Spezielle Akku-Feuerlöscher, die für Lithium-Ionen-Brände konzipiert sind, können den Brand eindämmen, bis die Feuerwehr eintrifft.
Die KFV-Studie kommt zu dem Schluss, dass Nutzenden oft das Wissen um Brandrisiken und Sicherheitsmaßnahmen fehlt. Mit über 421.000 verkauften Fahrrädern in Österreich 2023, von denen mehr als jedes zweite ein E-Bike ist, und ähnlichen Boom-Zahlen in Deutschland, wächst die Zahl potenzieller Brandquellen stetig. Die Lithium-Ionen-Technologie ist längst überall: in E-Bikes, E-Scootern, Smartphones, Zahnbürsten, Bohrmaschinen, Laptops oder Powerbanks. Mit ihrer Verbreitung steigt auch die Zahl der Akkubrände.
Fazit: Aufklärung und Prävention sind entscheidend
Die KFV-Studie macht deutlich: Nicht die Technik ist das Problem, sondern der Umgang damit. Zertifizierte Akkus großer Hersteller mit modernen Batterie-Management-Systemen sind sicher. Doch jeder vierte E-Bike-Besitzer ignoriert elementare Sicherheitsregeln – ein Risiko, das nicht nur das eigene Fahrzeug, sondern auch Wohnung, Nachbarn und im schlimmsten Fall Menschenleben gefährdet. Die Zahlen aus Großbritannien, wo alle fünf Stunden ein Akkubrand gemeldet wird, zeigen, wohin diese Sorglosigkeit führen kann.
Wer ausschließlich vom Hersteller empfohlene Ladegeräte nutzt, auf Warnzeichen wie Verformungen oder ungewöhnliche Erwärmung achtet, Akkus nicht dauerhaft am Netz lässt und feuerfeste Lager- und Lademöglichkeiten nutzt, minimiert das Risiko drastisch. Zusätzlich sollte geprüft werden, ob die vorhandenen Versicherungen im Ernstfall greifen. Mit der richtigen Handhabung und Pflege lassen sich Akkubrände effektiv vermeiden – und das bei einem Risiko, das statistisch zwar gering ist, im Einzelfall aber katastrophale Folgen haben kann.
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