Jeder Vierte ignoriert Akkubrand-Risiko beim E-Bike
Der Boom bei E-Bikes und E-Scootern hat eine Schattenseite: Lithium-Ionen-Akkus können unter bestimmten Umständen in Brand geraten – mit verheerenden Folgen. Eine aktuelle Studie des österreichischen Kuratoriums für Verkehrssicherheit (KFV) zeigt ein alarmierendes Bild: 25 Prozent der E-Bike-Besitzer und sogar 30 Prozent der E-Scooter-Nutzer ergreifen keinerlei Sicherheitsmaßnahmen gegen einen möglichen Akkubrand. Dabei sind in Deutschland mittlerweile rund 7,1 Millionen E-Bikes unterwegs, und die Verkaufszahlen steigen weiter. Die meisten Brände entstehen beim Laden – oft nachts, wenn niemand eingreifen kann.
Das Problem ist dabei nicht nur der Verlust des Fahrzeugs selbst. Wenn ein Akku thermisch durchgeht, entwickelt er Temperaturen von über 1000 Grad Celsius und kann Keller, Garagen oder ganze Wohngebäude in Brand setzen. Experten warnen: Die Zahl der Akkubrand-Schäden taucht zunehmend in den Feuerwehr-Statistiken auf. Doch wie groß ist das Risiko wirklich? Und was können Besitzer von E-Bikes, E-Scootern und E-Rollern konkret tun, um sich zu schützen?
Wie hoch ist das tatsächliche Brandrisiko?
Die gute Nachricht vorweg: Gemessen an der Gesamtzahl der im Umlauf befindlichen Akkus sind Brände die absolute Ausnahme. Laut dem Versicherer Wertgarantie liegen die Schäden durch E-Bike-Akkubrände unter einem Prozent. Jochen Hof, Fahrrad-Experte der Dekra, bestätigt: „Gemessen an der großen Zahl an E-Bike-Akkus passiert das sehr selten. Das kommt nicht häufiger vor als bei Handys.“
Dennoch steigt die absolute Zahl der Vorfälle, weil immer mehr Elektrozweiräder verkauft werden. In Österreich wurden 2023 etwa 421.000 Fahrräder verkauft, mehr als die Hälfte davon E-Bikes. Der E-Scooter-Bestand lag 2022 bei über 200.000 Fahrzeugen und dürfte sich bis 2024 verdoppelt haben. In Deutschland rechnet der Zweirad-Industrie-Verband (ZIV) langfristig mit einem E-Bike-Marktanteil von 35 Prozent. Bei mehreren Millionen Fahrzeugen reicht selbst eine minimale Fehlerquote aus, um regelmäßig Brandmeldungen zu produzieren.
Das Institut für Schadenverhütung und Schadenforschung (IFS) gibt zu bedenken: „Niemand kann auch nur ungefähr angeben, wie viele Akkus überhaupt im Umlauf sind, welche Qualität diese haben, geschweige denn, wie oft und warum einer davon in Flammen aufgeht.“ Das macht eine belastbare Statistik schwierig – zeigt aber auch, dass No-Name-Produkte und Billig-Akkus ein erhebliches Zusatzrisiko darstellen.
Wann und warum brennen Lithium-Akkus?
Experten sind sich einig: Zertifizierte Akkus der großen Hersteller wie Sony, Samsung, Panasonic und Bosch sind grundsätzlich sicher. Die häufigsten Brandursachen sind unsachgemäße Handhabung, mechanische Beschädigungen und die fahrlässige Nutzung defekter Akkus. Eine chinesische Studie zeigt einen engen Zusammenhang zwischen Ladegerät und Batterie als Brandauslöser. Weit über die Hälfte aller Brände entstehen nachts bis in die frühen Morgenstunden – während die Besitzer schlafen.
Die kritische Phase ist der Ladevorgang. Beim Laden steigt die Temperatur im Akku, und wenn das Batterie-Management-System (BMS) versagt oder der Akku bereits beschädigt ist, kann ein sogenannter „thermal runaway“ einsetzen: Eine Zelle überhitzt, bringt die Nachbarzelle zum Überhitzen, und innerhalb von Sekunden steht der gesamte Akku in Flammen. Besonders gefährlich: Lithium-Brände lassen sich mit herkömmlichen Mitteln kaum löschen. Die Feuerwehr muss den Akku oft in einem Wasserbad mehrere Tage lang kühlen, um ein erneutes Aufflammen zu verhindern.
Auch extreme Temperaturen spielen eine Rolle. Bosch warnt in den Bedienungsanleitungen seiner Power Packs vor dauernder Sonneneinstrahlung und gibt eine Maximaltemperatur von 50 Grad Celsius an. In schwarzen Akkugehäusen kann dieser Wert im Sommer schnell überschritten werden. Frost ist ebenfalls problematisch: Wenn ein E-Bike den Winter in einer unbeheizten Garage verbracht hat, sollte man bei den ersten Ladevorgängen besonders aufmerksam sein, rät das IFS.
Welche Sicherheitsmaßnahmen wirklich helfen
Die KFV-Studie zeigt, dass ein Großteil der Nutzer das Risiko unterschätzt oder schlicht nicht weiß, wie man sich schützt. Dabei sind die wichtigsten Maßnahmen simpel und effektiv:
- Nur auf nicht brennbarer Unterlage laden: Fliesen, Beton oder ein spezieller Ladekoffer sind ideal. Nie auf Holz, Teppich oder neben brennbaren Materialien laden.
- Rauchmelder installieren: Im Raum, in dem der Akku geladen wird, sollte ein funktionierender Rauchmelder hängen. Das verschafft im Ernstfall wertvolle Sekunden.
- Nicht unbeaufsichtigt laden: Idealerweise sollte man beim Laden zumindest in Rufweite sein. Auf keinen Fall über Nacht laden und dann schlafen gehen.
- Originales Ladegerät verwenden: Billige Nachbauten haben oft kein ordentliches Temperatur-Management und erhöhen das Risiko erheblich.
- Beschädigte Akkus sofort austauschen: Dellen, Risse oder ungewöhnliche Wärmeentwicklung sind Warnsignale. Ein solcher Akku gehört nicht mehr ans Ladegerät.
- Akkus nicht in der prallen Sonne lagern: Bei Hitze sollte man das E-Bike im Schatten abstellen oder den Akku entnehmen und kühl lagern.
- Akkus bei längerer Nichtnutzung auf 30-60 Prozent laden: Das schont nicht nur die Lebensdauer, sondern minimiert auch das Risiko.
Für den gewerblichen Bereich empfehlen Versicherer zudem spezielle Ladeboxen aus Metall, die im Brandfall das Übergreifen der Flammen verhindern. Einige Feuerwehren bieten mittlerweile auch Schulungen zum Thema Lithium-Akkubrände an – ein Zeichen dafür, wie ernst das Problem genommen wird.
E-Scooter und E-Roller: Zusätzliche Risikofaktoren
Bei E-Scootern ist die Situation noch prekärer: Laut KFV-Studie ergreifen 30 Prozent der Besitzer keine Sicherheitsmaßnahmen – mehr als bei E-Bikes. Ein Grund könnte sein, dass E-Scooter oft als „Spielzeug“ wahrgenommen werden und nicht als ernstzunehmendes Elektrofahrzeug. Dabei haben viele Modelle Akkus mit 500 Wattstunden und mehr – genug Energie, um einen schweren Brand zu verursachen.
Besonders problematisch: Viele E-Scooter-Nutzer laden ihr Fahrzeug in der Wohnung, oft in Fluren oder Schlafzimmern. Das erhöht das Risiko für Personenschäden dramatisch. Ein weiteres Problem sind Billig-Modelle aus China, die auf Online-Marktplätzen ohne Zertifizierung verkauft werden. Ihre Akkus entsprechen oft nicht den europäischen Sicherheitsstandards, und im Schadensfall kann die Versicherung die Zahlung verweigern.
E-Roller und E-Mopeds bis 45 km/h haben meist noch größere Akkus – teilweise mit Wechselfunktion. Hier gilt: Auch Wechselakkus sollten nur mit dem vom Hersteller vorgesehenen Ladegerät geladen werden. Das Mischen verschiedener Akku-Generationen oder das Nachrüsten mit billigen Drittanbieter-Packs ist hochriskant.
Versicherung: Wer zahlt bei Akkubrand?
Die rechtliche Lage ist kompliziert. Brennt der Akku und beschädigt dabei nur das E-Bike selbst, greift in der Regel die Hausratversicherung – allerdings nur, wenn das Rad im versicherten Bereich steht und keine grobe Fahrlässigkeit vorliegt. Wer einen offensichtlich beschädigten Akku weiterlädt, riskiert, auf dem Schaden sitzen zu bleiben.
Teuer wird es, wenn der Brand auf die Immobilie übergreift. Dann muss die Gebäudeversicherung zahlen – aber auch hier kann der Versicherer bei Fahrlässigkeit (etwa Laden im Holzschuppen ohne Rauchmelder) Leistungen kürzen. Bei Mietwohnungen haftet der Mieter für Schäden am Gebäude, wenn ihm Fahrlässigkeit nachgewiesen wird. Eine private Haftpflichtversicherung deckt solche Fälle ab – sofern sie nicht wegen grober Fahrlässigkeit aussteigt.
Wichtig: Wer einen E-Scooter oder E-Roller mit Versicherungskennzeichen besitzt, sollte darauf achten, dass die Haftpflicht auch Brandschäden durch den Akku abdeckt. Einige Policen schließen das explizit aus. Im Zweifelsfall lohnt sich eine Nachfrage beim Versicherer.
Fazit: Risiko gering, aber Vorsorge wichtig
Das Risiko, dass ein zertifizierter E-Bike- oder E-Scooter-Akku in Brand gerät, liegt im Promillebereich. Doch angesichts von Millionen Fahrzeugen auf deutschen Straßen und der verheerenden Folgen eines Akkubrands sollte niemand das Thema auf die leichte Schulter nehmen. Die KFV-Studie zeigt: Zu viele Nutzer wissen nicht, wie sie sich schützen können – oder ignorieren die Gefahr.
Dabei sind die wichtigsten Maßnahmen simpel: Nur mit Originalladegerät laden, nicht auf brennbarer Unterlage, nie über Nacht unbeaufsichtigt, Rauchmelder installieren und beschädigte Akkus sofort austauschen. Wer diese Regeln befolgt, minimiert das Risiko auf ein vernachlässigbares Niveau. Gleichzeitig sollte die Branche in die Pflicht genommen werden: Billig-Akkus ohne CE-Kennzeichnung gehören nicht auf den europäischen Markt. Und Hersteller sollten ihre Kunden aktiver über Risiken und Schutzmaßnahmen aufklären – etwa durch Warnhinweise direkt am Ladegerät oder in der App.
E-Mobilität ist die Zukunft, keine Frage. Aber nur, wenn sie sicher ist. Wer sein E-Bike, seinen E-Scooter oder seinen E-Roller richtig behandelt, kann die Vorteile der elektrischen Fortbewegung genießen – ohne nachts Angst vor einem Brand haben zu müssen.
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