Fahrradbranche im Abschwung: 5,85 Milliarden Euro Umsatz trotz 90 Millionen Rädern
Die deutsche Fahrradbranche präsentiert sich mit zwei Gesichtern: Während der Gesamtbestand erstmals die Marke von 90 Millionen Rädern übersteigt und damit ein historisches Hoch erreicht, kämpfen Hersteller und Händler mit massiven Umsatzeinbrüchen. Der Umsatz ist 2025 um 7,7 Prozent auf 5,85 Milliarden Euro gefallen, wie der Zweirad-Industrie-Verband (ZIV) gemeinsam mit den Verbänden „Zukunft Fahrrad“ und VSF in einer aktuellen Marktanalyse bekannt gab. Die Zahlen zeigen: Der Boom ist vorbei, die Konsolidierung längst nicht abgeschlossen.
Absatz sinkt weiter – 3,8 Millionen verkaufte Räder
Im Geschäftsjahr 2025 wurden in Deutschland insgesamt rund 3,8 Millionen Fahrräder und E-Bikes verkauft – ein Rückgang, der sich nahtlos in die Negativserie der Vorjahre einreiht. 2024 lagen die Verkaufszahlen noch bei 3,9 Millionen Einheiten, etwa 2,5 Prozent mehr als 2025. Verglichen mit dem Rekordjahr 2022, als noch rund 5 Millionen Bikes über die Ladentheken gingen, fehlen der Branche mittlerweile mehr als 1,2 Millionen verkaufte Einheiten pro Jahr.
Die wirtschaftliche Situation spiegelt die allgemeine Konsumzurückhaltung in Deutschland wider. Während des Corona-Booms 2020 und 2021 hatten viele Deutsche ihr Mobilitätsverhalten angepasst und massiv in Fahrräder investiert. Diese Räder sind noch immer im Bestand – und viele Haushalte sehen keinen Grund, bereits wieder zu kaufen. Die Produktion von Fahrrädern stieg 2025 um drei Prozent auf 658.000 Stück, während die E-Bike-Produktion um drei Prozent auf 1,285 Millionen leicht zurückging. Trotz leichter Produktionsrückgänge wächst der Gesamtbestand weiter.
90 Millionen Räder – Deutschland ist Fahrradland
Zwei weitere Millionen Fahrräder wurden im vergangenen Jahr produziert, die die Zahl erstmals auf über 90 Millionen klettern ließ. Deutschland ist damit endgültig ein Fahrradland – zumindest was die schiere Masse an vorhandenen Zweirädern betrifft. Mittlerweile gibt es 17,2 Millionen E-Bikes in Deutschland, der Bestand hat sich in den vergangenen zehn Jahren versiebenfacht. Das sind beeindruckende Wachstumszahlen, die zeigen, wie sehr sich Elektromobilität auf zwei Rädern etabliert hat.
Doch die Kehrseite dieser Entwicklung: Viele Haushalte besitzen bereits ein, zwei oder sogar drei Räder. Der Markt für Erstkäufer schrumpft, und der Ersatzbedarf entwickelt sich langsamer als erhofft. „Wir sind auf ein neues Level gesprungen“, kommentierte ZIV-Geschäftsführer Burkhard Stork bereits die Entwicklung in den Vorjahren. Gemeint war damals das höhere Absatzniveau nach Corona. Inzwischen wird deutlich: Dieses „neue Level“ liegt deutlich unter den Hoffnungen der Branche.
E-Bike-Anteil sinkt – Bio-Bikes zurück im Trend
Besonders bemerkenswert ist die Verschiebung innerhalb des Marktes. Der E-Bike-Anteil fällt von etwa 9,0 auf 6,5 Prozent. Diese Zahlen beziehen sich vermutlich auf Produktions- oder Verkaufsanteile im jeweiligen Segment und zeigen eine klare Trendwende: Während E-Bikes in den vergangenen Jahren als Wachstumstreiber galten, schwächelt die Nachfrage nun merklich. Die Gründe sind vielfältig: hohe Preise, wirtschaftliche Unsicherheit und eine zunehmende Sättigung im Premium-Segment.
Gleichzeitig profitieren klassische Fahrräder ohne elektrische Unterstützung – in der Branche „Bio-Bikes“ genannt – von dieser Verschiebung. Viele Käufer entscheiden sich bewusst für günstigere Modelle oder warten mit größeren Investitionen ab. Zwar schwächeln E-Bike-Verkäufe und der Fachhandel leidet, doch Leasing und Zweit- und Dritträder sowie Bio-Bikes treiben den Markt weiter an. Das Fahrrad-Leasing über den Arbeitgeber bleibt ein wichtiger Absatzkanal, auch wenn selbst dort die Nachfrage nachlässt.
Fachhandel unter Druck – Insolvenzen als Folge
Die Umsatzrückgänge treffen vor allem den stationären Fachhandel hart. Nach Jahren mit hohen Lagerbeständen, Preisnachlässen und sinkender Marge stehen viele Händler mit dem Rücken zur Wand. Auch Hersteller sind betroffen: Die Insolvenzen von Traditionsmarken wie Prophete und Simplon haben gezeigt, wie fragil die Branche trotz hoher Gesamtverkaufszahlen geworden ist. Der Umsatzrückgang hat laut ZIV seinen Ursprung in der Coronapandemie – paradoxerweise war es genau der Boom, der die Branche in die Krise führte.
Das Problem: Während der Hochphase wurden massive Produktionskapazitäten aufgebaut, Lieferketten erweitert und Lager gefüllt. Als die Nachfrage dann einbrach, blieben viele Unternehmen auf teurer Ware sitzen. Die Branche hatte nach dem Boom während der Corona-Zeit zuletzt deutliche Absatzverluste erlitten. Die Zahl der verkauften Bikes sackte von rund 5 Millionen im Jahr 2022 auf 3,85 Millionen im vergangenen Jahr. Die Folge waren hohe Lagerbestände, teilweise Dumpingpreise und eine zwischenzeitlich zurückgefahrene Produktion.
Leichte Erholung im ersten Quartal – aber keine Entwarnung
Immerhin gab es 2025 auch positive Signale. Trotz einer Absatzsteigerung um 11 Prozent auf 885.000 Fahrzeuge in den ersten drei Monaten warnt der Industrieverband ZIV zum Auftakt der Fachmesse Eurobike in Frankfurt vor allzu großer Euphorie. Das erste Quartal ist traditionell schwach, und die Zahlen aus April und Mai fielen bereits wieder ernüchternd aus. Der Verband ZIV rechnet für das laufende Jahr noch mit einer angespannten Lage für die Hersteller- und Handelsunternehmen. „Ab 2026 sehen wir Licht am Ende des Tunnels und damit deutliche Anzeichen für ein Ende der schwierigen Phase“, so Geschäftsführer Stork.
Ob diese Prognose aufgeht, bleibt abzuwarten. Die wirtschaftliche Gesamtlage in Deutschland, die Kaufkraft der Verbraucher und die Konkurrenz durch günstige Importware aus Asien werden entscheidend sein. Hinzu kommt, dass viele Verbraucher bereits gut ausgestattet sind – der Ersatzbedarf entwickelt sich langsamer als erhofft, und Innovationen wie neue Antriebstechnologien oder smarte Assistenzsysteme reichen bislang nicht aus, um einen neuen Kaufimpuls auszulösen.
Produktion in Deutschland stabil – aber zu welchem Preis?
Die inländische Produktion betrug von Januar bis März 760.000 Räder und damit 13,5 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Diese Zahlen zeigen, dass die deutschen Hersteller weiter produzieren – allerdings unter enormem Kostendruck. Die Fertigung in Deutschland ist deutlich teurer als in Fernost, und die Preisschlachten im Handel machen es schwer, profitable Margen zu erzielen. Viele Hersteller verlagern Teile ihrer Produktion oder setzen verstärkt auf Importware, die sie unter eigenem Label verkaufen.
Die Konsolidierung der Branche ist damit noch nicht abgeschlossen. Experten rechnen damit, dass weitere Hersteller und Händler vom Markt verschwinden werden, bevor sich die Lage stabilisiert. Gleichzeitig bietet die Situation auch Chancen: Unternehmen, die effizient produzieren, innovative Produkte anbieten und ihre Vertriebswege clever gestalten, können Marktanteile gewinnen.
Ausblick: Wann kommt die Trendwende?
Die Frage, die sich alle stellen: Wann erholt sich der Markt nachhaltig? Die Antwort ist komplex. Einerseits spricht die hohe Durchdringung von 90 Millionen Rädern in Deutschland für einen gesättigten Markt. Andererseits gibt es weiterhin Potenzial: Viele ältere Räder müssen ersetzt werden, E-Bikes werden als Ersatz für das Auto attraktiver, und neue Zielgruppen wie Pendler oder Senioren entdecken die Elektromobilität auf zwei Rädern für sich.
Entscheidend wird sein, ob die Branche es schafft, Innovationen zu kommunizieren und den Mehrwert neuer Modelle zu verdeutlichen. Längere Reichweiten, bessere Vernetzung, komfortablere Fahrwerke und attraktivere Designs könnten Kaufanreize schaffen. Auch staatliche Förderungen für E-Lastenräder oder steuerliche Anreize für Diensträder bleiben wichtige Hebel.
Klar ist aber auch: Die goldenen Jahre des schnellen Wachstums sind vorbei. Die Branche muss sich auf ein niedrigeres Absatzniveau einstellen und gleichzeitig ihre Strukturen verschlanken. Wer das nicht schafft, wird den Weg von Prophete und Simplon gehen. Die Marktdaten 2025 sind ein Weckruf – und gleichzeitig eine Chance für diejenigen, die sich anpassen können.
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