A1-E-Motorräder 2026: Welche Elektro-125er jetzt wirklich lieferbar sind
Der 125er-Markt boomt – und das gilt nicht nur für Verbrenner. Während sich Führerscheinneulinge und B196-Inhaber bisher meist mit benzingetriebenen Leichtkrafträdern zufriedengeben mussten, kommt 2026 endlich Bewegung in die elektrische A1-Klasse. Traditionshersteller wie Honda wagen sich mit ernst gemeinten Serienmodellen auf den Markt, während Spezialisten wie Stark, Zero oder Silence bereits liefern. Doch was taugen die neuen Elektro-125er wirklich? Und welche Modelle sind keine Vaporware, sondern tatsächlich bestellbar?
Honda WN7: Der japanische Riese macht Ernst mit Elektro
Honda bringt mit dem WN7 das erste „große“ E-Motorrad für den Weltmarkt – ein Naked-Bike mit CCS2-Schnellladung und Fokus auf Alltagstauglichkeit. Das WN7 soll ab Januar erhältlich sein und richtet sich an all jene, die urban emissionsfrei unterwegs sein wollen. Preislich bewegt sich Honda hier mutig im Mittelfeld. Der anvisierte Preis liegt bei etwa 12.500 Euro – keine Schnäppchen-Klasse, aber auch kein Mondpreis für ein vollwertiges Elektromotorrad mit Markenhintergrund.
Was das WN7 besonders macht: Honda setzt als einer der ersten Hersteller in der A1-Klasse auf den CCS2-Standard. Das bedeutet, dass sich das Motorrad an denselben Schnellladesäulen aufladen lässt wie Elektroautos. Kein proprietäres Ladekabel, keine Bastelei mit Adaptern. Die Ladeinfrastruktur ist bereits da – ein entscheidender Vorteil gegenüber Modellen, die auf Haushaltssteckdosen oder herstellerspezifische Lösungen angewiesen sind.
Der japanische Konzern positioniert das WN7 bewusst als Stadtmotorrad. Die Reichweite dürfte im urbanen Stop-and-Go-Verkehr bei etwa 100 bis 120 Kilometern liegen, was für Pendler und Stadtfahrten vollkommen ausreicht. Auf der Autobahn wird sie erwartungsgemäß deutlich niedriger ausfallen – ein typisches Problem aller elektrischen Zweiräder in der 11-kW-Klasse.
Stark Varg SM: SuperMoto-Power aus Schweden
Die Varg SM ist der Ausreißer der Liste – weil sie als A1-homologiertes Bike trotz nur 11 kW Dauerleistung ein Leistungsversprechen mitbringt, das man sonst nicht in dieser Klasse erwartet. 7,2 kWh Akku mit einer realistischen Reichweite von etwa 120 km innerorts und vermutlich 60 bis 80 km Landstraße. Geladen wird über ein tragbares 3,3-kW-Ladegerät, das an Standard-Steckdose gute zwei Stunden benötigen soll.
Stark kennt man eigentlich aus dem Offroad-Bereich – die Varg MX hat sich als ernstzunehmende elektrische Motocross-Maschine etabliert. Die SM-Version bringt dieses Know-how nun auf die Straße. Das Ergebnis ist ein SuperMoto mit außergewöhnlicher Beschleunigung und Fahrwerksqualität, die man in dieser Preisklasse selten findet.
Der Clou: Obwohl die Dauerleistung bei gesetzeskonformen 11 kW liegt, ist die Peakleistung deutlich höher. Das macht sich beim Beschleunigen aus Kurven oder beim Überholen bemerkbar. Die Varg SM fühlt sich deutlich spritziger an als vergleichbare Verbrenner-125er mit ihren 15 PS.
Die Ladezeit von zwei Stunden ist konkurrenzfähig, das tragbare Ladegerät praktisch. Nachteil: Es gibt keine Schnellladefunktion. Wer länger unterwegs sein will, muss Pausen einplanen. Für den täglichen Arbeitsweg oder Wochenendtouren in der Region reicht die Reichweite aber locker aus.
Silence S05 Weekender: Spanische Pragmatik mit Wechselakku
Silence hat sich als Hersteller von Elektrorollern einen Namen gemacht. Mit der S05 Weekender haben die Spanier nun ein E-Motorrad vorgestellt, das als Leichtkraftrad an den Start gehen soll. Wie bei den anderen Fahrzeugen von Silence gibt es einen herausnehmbaren 5,6 kWh-Akku, der auch als Powerstation genutzt werden kann.
Silence verspricht eine Reichweite von deutlich über 100 Kilometern. Für den Vortrieb sorgt ein ins Hinterrad integrierter Nabenmotor, der die Maschine auf bis zu 120 km/h beschleunigt. Einen Preis von 3500 Euro, in dem der Akku noch nicht enthalten ist.
Das Geschäftsmodell von Silence ist ungewöhnlich: Das Motorrad kostet 3.500 Euro – ohne Batterie. Der Akku wird separat gekauft oder kann im Abo-Modell gemietet werden. Das senkt die Einstiegshürde deutlich, bindet den Kunden aber langfristig. Für Vielfahrer, die ohnehin alle paar Jahre eine neue Batterie brauchen würden, kann das Sinn ergeben. Wenigfahrer zahlen unter dem Strich mehr.
Der große Vorteil: Der Wechselakku lässt sich in der Wohnung laden. Keine Tiefgarage mit Ladestation nötig, kein Kabelgewirr im Hof. Der 5,6-kWh-Akku ist zwar schwer (rund 25 Kilogramm), aber mit Griff und etwas Muskelkraft zum Auto oder in den dritten Stock zu tragen. Als Powerstation für Camping oder Festivals nutzbar zu sein, ist ein nettes Extra – auch wenn das in der Praxis vermutlich die wenigsten tun werden.
Zero S und FXE: Die amerikanischen Platzhirsche
Zero S ist ein vollelektrisches Naked Bike des US-amerikanischen Herstellers Zero Motorcycles, das sich durch seine Vielseitigkeit und Alltagstauglichkeit auszeichnet. Mit ihrer Kombination aus sportlicher Performance und umweltfreundlichem Antrieb richtet sich das „kleine“ Zero Motorrad sowohl an Einsteiger als auch an erfahrene Fahrer. Angetrieben wird die Zero S von einem bürstenlosen Z-Force-Motor, der eine Spitzenleistung von bis zu 45 kW (61 PS) und ein Drehmoment von 144 Nm liefert.
Spitzenreiter der Hersteller im Elektro-(Leicht-)Kraftrad Segment ist Zero Motorcycles mit einem Marktanteil von 17,01 % in 2025. Zero ist seit Jahren auf dem europäischen Markt aktiv und hat ein funktionierendes Händlernetz aufgebaut. Das ist gerade bei Elektromotorrädern entscheidend – Software-Updates, Akkuprobleme und technische Fragen lassen sich nicht einfach in jeder beliebigen Werkstatt klären.
Die Zero S gibt es in verschiedenen Akkugrößen. Die kleinste Version mit 7,2 kWh kostet etwa 13.500 Euro und schafft rund 90 bis 110 Kilometer Reichweite im Stadtverkehr. Die größere 14,4-kWh-Variante verdoppelt die Reichweite, kostet aber auch deutlich mehr. Hier muss jeder für sich entscheiden, was wichtiger ist: niedrigerer Preis oder Langstreckentauglichkeit.
Die FXE ist Zeros SuperMoto-Antwort auf die Stark Varg SM. Leichter, wendiger, sportlicher – aber auch mit kleinerer Batterie und kürzerer Reichweite. Für urbane Fahrer, die Spaß am Fahren haben und selten mehr als 50 Kilometer am Stück unterwegs sind, eine hervorragende Wahl.
Famel EX-F: Café Racer mit portugiesischer DNA
Famel haucht mit der EX-F den Café-Racer-Stil der 70er neues Leben ein: ein elektrisches A1-Bike mit pfiffigen Lösungen. Die portugiesische Marke Famel war in den 70er- und 80er-Jahren in Südeuropa bekannt, verschwand dann aber vom Markt. Jetzt kehrt sie mit einem elektrischen Leichtkraftrad zurück, das optisch an die klassischen Café Racer der Vergangenheit erinnert.
Die EX-F setzt auf Retro-Design mit moderner Technik. Wechselakkus, digitales Display, LED-Beleuchtung – aber in einem Rahmen, der aussieht wie aus einer anderen Epoche. Ob das Konzept aufgeht, wird sich zeigen müssen. Der Nischenmarkt für stilbewusste A1-Fahrer ist nicht riesig, aber durchaus vorhanden. Preise und genaue Verfügbarkeit für den deutschen Markt sind noch nicht final kommuniziert.
Worauf beim Kauf wirklich ankommt: Reichweite ist nicht alles
Bei klassischen 125er-Verbrennern ist der Kaufentscheidungsprozess simpel: Man schaut auf Preis, Design, Marke und vielleicht noch Verbrauch. Bei elektrischen Leichtkrafträdern kommen drei Faktoren hinzu, die entscheidend sind – und die oft unterschätzt werden.
Erstens: Ladeinfrastruktur. Wer zu Hause oder am Arbeitsplatz laden kann, hat deutlich mehr Freiheiten als jemand, der auf öffentliche Ladesäulen angewiesen ist. CCS2-Kompatibilität wie beim Honda WN7 ist ein klarer Vorteil für Fernfahrten. Wechselakkus wie bei Silence oder Famel sind Gold wert, wenn keine eigene Garage mit Stromanschluss existiert.
Zweitens: Service und Ersatzteilverfügung. Zero hat ein etabliertes Händlernetz, Honda sowieso. Bei kleineren Herstellern wie Famel oder GR1T sollte man genau prüfen, wo die nächste Werkstatt ist und ob Ersatzteile verfügbar sind. Ein elektrisches Motorrad mit defekter Batterie ist unbrauchbar – und ein neuer Akku kann schnell mehrere tausend Euro kosten.
Drittens: Realistische Reichweite. Herstellerangaben sind Schönwetter-Werte im Eco-Modus bei 30 km/h. In der Realität sollte man mit 60 bis 70 Prozent der angegebenen Reichweite rechnen. Wer täglich 40 Kilometer pendelt und keine Lademöglichkeit am Arbeitsplatz hat, braucht mindestens 80 Kilometer echte Reichweite – sonst wird es im Winter eng.
Fazit: Die Auswahl wächst, aber die Kompromisse bleiben
Die Motorradwelt schaut gespannt auf die EICMA 2025 – doch während Hersteller wie Kawasaki, Ducati und BMW mit neuen Verbrennern auftrumpfen, bleibt die Elektromobilität weiter in der Warteschleife. Viel Show, wenig Wandel: Wer echte Innovation im E-Bereich erwartet, wird auch 2026 nur mit vereinzelten Highlights belohnt.
Trotzdem: Die elektrische A1-Klasse entwickelt sich. Mit Honda steigt 2026 erstmals ein japanischer Großkonzern ernsthaft ein. Stark beweist, dass elektrische SuperMotos nicht nur funktionieren, sondern richtig Spaß machen können. Zero baut seine Marktführerschaft aus. Und Newcomer wie Silence oder Famel zeigen alternative Geschäftsmodelle auf.
Für wen lohnt sich ein elektrisches A1-Motorrad 2026? Für Stadtpendler mit eigenem Stellplatz und Lademöglichkeit definitiv. Für Wochenendfahrer, die keine 200-Kilometer-Touren planen, ebenfalls. Für Fernreisende oder Menschen ohne Ladeinfrastruktur eher nicht. Die Technologie ist da, die Modelle sind lieferbar – aber die elektrische 125er-Revolution ist es noch nicht. Es ist eher eine leise, stetige Entwicklung. Und die braucht Zeit.
Wer jetzt kauft, ist Pionier – mit allen Vor- und Nachteilen, die das mit sich bringt. Wer noch wartet, bekommt 2027 oder 2028 bessere Akkus, mehr Auswahl und niedrigere Preise. Aber wer wartet, fährt eben auch weiterhin Benzin. Und genau das ist die Entscheidung, die jeder für sich treffen muss.
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