Verge TS Pro bringt den ersten Feststoffakku ins Serienmotorrad
Während die Autoindustrie seit Jahren über Feststoffbatterien spricht, aber keine liefert, kommt der Durchbruch ausgerechnet von einem finnischen Motorradhersteller: Verge Motorcycles hat erstmals ein E-Motorrad mit einer Feststoffbatterie ausgestattet. Präsentiert wurde die neue Generation der TS Pro auf der CES 2026 in Las Vegas – das Modell nutzt als erstes Serienmotorrad weltweit eine Feststoffbatterie der Tochtergesellschaft Donut Lab. Die Zahlen klingen nach Science-Fiction: 600 Kilometer Reichweite und in nur 10 Minuten nachgeladen. Doch ist das wirklich der Durchbruch für elektrische Langstrecken-Motorräder, oder nur das nächste vollmundige Versprechen einer Start-up-Firma?
Was macht Feststoffakkus so besonders?
Herkömmliche Lithium-Ionen-Akkus verwenden flüssige Elektrolyte, die den Ionentransport zwischen Anode und Kathode ermöglichen. Feststoffbatterien ersetzen diese Flüssigkeit durch einen festen keramischen Separator. Diese Akkus haben eine deutlich höhere Energiedichte als Lithium-Ionen-Akkus, speichern also mehr Strom bei gleicher Größe. Die Vorteile gehen weit über die reine Kapazität hinaus: Feststoffakkus gelten als deutlich sicherer, weil das Brandrisiko praktisch eliminiert wird. Außerdem vertragen sie deutlich höhere Ladeströme, ohne dabei Schaden zu nehmen.
Der neue Akku-Typ stammt aus einer Zusammenarbeit mit dem Donut Lab und soll eine Energiedichte von 400 Wh/kg haben. Zum Vergleich: Aktuelle Hochleistungs-Li-Ionen-Zellen erreichen bestenfalls 260 bis 280 Wh/kg. Im E-Motorrad von Verge wird ein Exemplar mit einer Kapazität von 33,3 kWh verbaut – ein Wert, der selbst große Touring-Elektromodelle in den Schatten stellt. Donut Lab gibt die Zyklenfestigkeit mit 100.000 Ladezyklen bei minimalem Kapazitätsverlust an, was den Akku theoretisch über die gesamte Lebensdauer des Motorrads nutzbar macht.
Die Ladezeit als eigentlicher Gamechanger
Die 600 Kilometer Reichweite sind beeindruckend, aber nicht der entscheidende Punkt. Die Ladeleistung stellt einen neuen Referenzwert im Zweiradsektor dar, weil sich über einen CCS-Anschluss Energie für 300 Kilometer in nur 10 Minuten nachladen lässt. Wer das Motorrad vollständig von Null auf Hundert Prozent füllen möchte, benötigt dafür lediglich fünf Minuten – vorausgesetzt, es steht eine Schnellladesäule mit 200 kW Leistung bereit.
Die Ladeleistung von bis zu 200 kW per Gleichstrom ist gut das 4-fache wie bisher, das 15-fache einer Zero DSR/X, das 18-fache der neuen Honda WN7 und das 12-fache einer LiveWire One. Damit rückt das elektrische Motorrad erstmals in den Bereich, in dem Langstrecken-Touren nicht mehr durch stundenlange Ladepausen unterbrochen werden. Ein echter Tankstoppersatz wird möglich.
Die Krux: Schnellladesäulen mit 200 kW Leistung sind bislang selten und auf Autos ausgelegt. Voraussetzung ist auch, dass man Zugang zu einem Schnellladeanschluss mit 200 kW Ladeleistung hat. An herkömmlichen AC-Ladepunkten oder schwächeren DC-Säulen dauert der Ladevorgang entsprechend länger – aber immer noch deutlich kürzer als bei allen anderen E-Motorrädern auf dem Markt.
Die technischen Daten im Detail
Der Elektromotor ist direkt im breiten Hinterrad montiert. Insgesamt liegt das Gewicht des Motorrads bei 235 Kilogramm. Die Spitzenleistung des Fahrzeugs liegt bei 102 kW (139 PS), von 0 auf 100 beschleunigt das Motorrad in 3,5 Sekunden. Die Höchstgeschwindigkeit ist auf 200 km/h begrenzt. Der radnabenlose Motor – eine Besonderheit von Verge – sitzt unsichtbar im Hinterrad und verzichtet auf Kette, Riemen oder Kardanwelle.
Der finnische Hersteller ersetzt in seinen Maschinen die herkömmlichen Lithium-Ionen-Akkus durch neuartige Festkörper- oder Feststoffakkus. Möglich sei das, weil die Motorräder modular konzipiert seien, erläutert Verge Motorcycles in einem Video. So könnten Komponenten ausgetauscht werden, wenn neue Technologien zur Verfügung stünden, ohne dass das Motorrad neu entwickelt werden muss. Das bedeutet: Auch bestehende Verge-Kunden könnten theoretisch auf den neuen Akku upgraden – sofern sie bereit sind, den Preis dafür zu zahlen.
Verfügbarkeit und Preise
Verge Motorcycles bietet zwei Varianten der TS Pro sowie die TS Ultra mit dem neuen Akku an. Die günstigere TS Pro startet bei knapp 36.600 Euro, die teurere bei knapp 37.800 Euro. Die TS Ultra gibt es ab gut 54.400 Euro. Die Maschinen können bereits bestellt werden. Als Lieferdatum nennen die Finnen das erste Quartal 2026 für die TS Pro. Die TS Ultra soll im zweiten Quartal ausgeliefert werden.
Damit liegt die Verge preislich deutlich über etablierten Elektro-Motorrädern wie der Zero SR/S (circa 23.000 Euro) oder der Harley-Davidson LiveWire (rund 24.000 Euro), aber unterhalb exotischer Supersportler wie der Energica Ego+ (über 40.000 Euro). Die Frage ist: Rechtfertigt die Feststofftechnologie diesen Aufpreis? Für Vielfahrer, die täglich große Distanzen zurücklegen, könnte sich die Investition durch eingesparte Ladezeit und praktisch unbegrenzte Akku-Lebensdauer schnell rechnen.
Was machen die Großen? VW und Ducati testen ebenfalls
Verge ist nicht der einzige Player im Feststoffakku-Rennen. PowerCo, Ducati und Audi haben einer Pressemeldung zufolge erstmals ein elektrisches Motorrad mit einer Feststoffbatterie von QuantumScape ausgerüstet. Das Motorrad basiert auf einer vollelektrischen, umfassend modifizierten Ducati V21L. Das Batteriesystem des E-Motorrads wurde speziell auf die Anforderungen der Feststoffbatterie ausgelegt und soll nun mit bis zu 980 QSE-5-Zellen von QuantumScape bestückt werden können.
Der entscheidende Unterschied: Die Projektpartner wollen die Feststofftechnologie in den kommenden Monaten weiter testen – als nächsten Meilenstein nennt VW die Entwicklung eines renntauglichen Motorrads für Tests auf der Rennstrecke. Parallel arbeiten PowerCo und QuantumScape an der Integration der Feststofftechnologie in die PowerCo-Einheitszelle und damit ins Auto. Ziel sei die Entwicklung einer marktfähigen Lösung bis zum Ende des Jahrzehnts. Während Verge also bereits verkauft, befindet sich VW noch mitten in der Testphase – und zielt primär auf den Automarkt ab.
Wie realistisch sind die Versprechen?
Die Skepsis ist berechtigt. Seit Jahren kündigen Start-ups und etablierte Hersteller Feststoffbatterien mit Wunderwerten an, doch serienreife Produkte bleiben aus. Ein Nutzer berichtet: „Ich besitze eine Verge TS Pro seit Sept 2024. Und ja, der Zustand ist gefühlt zwischen Prototyp und Anlaufserie. Von den 20khw („alte“ Batterie) auf der Homepage sind 17khw in der Betriebsanleitung geworden, reale Nutzung nach 30 bis 40 Ladezyklen liegt bei mir eher Richtung 13khw“. Das zeigt: Auch Verge hat in der Vergangenheit mit Kinderkrankheiten zu kämpfen gehabt.
Andererseits: Die Tatsache, dass Verge bereits funktionierende Motorräder ausliefert und nun konkrete Bestellungen für Feststoff-Varianten annimmt, unterscheidet das Unternehmen von reinen Ankündigungs-Start-ups. Die CES-Präsentation war keine Konzeptstudie, sondern ein fahrbereites Serienmodell. Donut Lab, die Akku-Tochter, hat eigene Produktionskapazitäten aufgebaut – ein deutliches Zeichen, dass es um mehr als nur Prototypen geht.
Die größte Herausforderung bleibt die Skalierung. Feststoffakkus sind in der Herstellung deutlich aufwendiger und teurer als Li-Ionen-Zellen. Ob Verge die Kosten langfristig senken und größere Stückzahlen produzieren kann, wird sich zeigen. Für Early Adopters und Technik-Enthusiasten ist die TS Pro dennoch ein faszinierendes Angebot – das erste bezahlbare Serien-Elektromotorrad, das die Technologie der nächsten Generation bereits heute verbaut.
Fazit: Finnland überholt die Großen
Dass ausgerechnet ein finnisches Start-up den etablierten Herstellern den Rang abläuft, ist bemerkenswert. Während BMW, Harley-Davidson und Honda noch an ihren ersten ernstzunehmenden Elektro-Motorrädern mit konventioneller Akkutechnik feilen, hat Verge den Sprung zur nächsten Generation gewagt. Die Kombination aus 600 Kilometern Reichweite, 10-Minuten-Schnellladung und praktisch unbegrenzter Akku-Lebensdauer könnte tatsächlich der Wendepunkt sein, an dem elektrische Motorräder für Langstreckenfahrer zur ernsthaften Alternative werden.
Der hohe Preis und die begrenzte Verfügbarkeit von 200-kW-Ladesäulen bleiben vorerst Hürden. Doch die Richtung ist klar: Feststoffakkus sind keine ferne Zukunftsmusik mehr, sondern ab Q1 2026 in Serie verfügbar – zumindest bei Verge. Ob VW, Ducati und andere nachziehen können, wird sich zeigen. Bis dahin haben die Finnen einen Vorsprung, den es erst einmal einzuholen gilt.
Weitere Informationen: Futurezone, heise autos
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