Wer seit mindestens fünf Jahren den Autoführerschein besitzt, mindestens 25 Jahre alt ist und neun Fahrstunden absolviert, darf seit 2020 Leichtkrafträder bis 11 kW (15 PS) fahren – ohne theoretische oder praktische Prüfung. Die sogenannte B196-Regelung öffnet damit einer riesigen Zielgruppe den Zugang zu Motorrädern, die ursprünglich A1-Inhabern vorbehalten waren. Für E-Motorradhersteller ist das eine Riesenchance: Elektrische Bikes lassen sich problemlos auf 11 kW drosseln, verlieren dabei aber kaum etwas von ihrem charakteristischen Drehmoment. Die Liste verfügbarer Modelle wächst kontinuierlich – von günstigen Einstiegsmaschinen bis zu High-End-Sportlern, die nur elektronisch gebremst werden.
Während klassische Verbrenner-125er durch die A1-Begrenzung auf 11 kW Dauerleistung und ein Leistungsgewicht von maximal 0,1 kW/kg meist lahm ausfallen, zeigen E-Motorräder ihre Stärken: Das Drehmoment steht sofort an, die Beschleunigung übertrifft oft deutlich stärkere Benziner, und die Drosselung erfolgt rein elektronisch über Software. Viele Hersteller bieten ihre großen Modelle inzwischen auch in A1-/B196-Varianten an – teils werksseitig, teils über Händler-Umrüstung. Der Markt sortiert sich gerade neu.
Zero Motorcycles: Drei Modelle ab Werk für A1 und B196
Zero Motorcycles, der kalifornische Pionier elektrischer Motorräder, hat sein Portfolio konsequent auf die A1-Zielgruppe ausgerichtet. Mit der komplett neu entwickelten Zero S (Straßenmodell), der Zero DS (Dual-Sport mit Geländeambitionen) und der reinen Offroad-Maschine Zero XE stehen drei werksseitig auf 11 kW gedrosselte Varianten zur Verfügung. Alle drei teilen sich die gleiche Plattform, unterscheiden sich aber in der Ausrichtung.
Die Zero S erreicht trotz Drosselung eine Höchstgeschwindigkeit von 139 km/h und bietet eine kombinierte Reichweite von 262 Kilometern nach WMTC. Der 7,2-kWh-Akku lässt sich mit dem optionalen Schnellladegerät in 53 Minuten auf 95 Prozent laden. Das Leergewicht liegt bei 142 Kilogramm, der Preis startet bei 11.290 Euro. Die Zero DS liefert identische Fahrleistungen, setzt jedoch auf längere Federwege und grobstolligere Reifen – ideal für Schotterpisten oder unbefestigte Wege. Die Reichweite sinkt minimal auf 249 Kilometer, der Preis liegt bei 11.790 Euro.
Alle drei Zero-Modelle nutzen einen luftgekühlten Permanentmagnet-Motor mit 11 kW Dauerleistung. Das maximale Drehmoment von 106 Newtonmetern liegt deutlich über dem, was ein 125er-Verbrenner jemals liefern könnte – und steht bereits bei null Umdrehungen an. In der Praxis bedeutet das: Ampelstarts, bei denen 125er-Fahrer verzweifelt hochschalten, meistert die Zero mühelos. Die Beschleunigung von 0 auf 80 km/h liegt unter vier Sekunden, ein Wert, den selbst sportliche 600er-Mittelklasse-Maschinen respektieren müssen.
Honda WN7: Der Großserien-Einstieg ins Elektro-Segment
Honda hat mit dem WN7 sein erstes vollwertiges Elektromotorrad für den europäischen Markt auf den Weg gebracht. Das Modell wird in zwei Leistungsstufen angeboten: mit 11 kW für A1/B196 und mit 18 kW für A2-Fahrer. Beide Varianten nutzen denselben flüssigkeitsgekühlten E-Motor, der in der Spitze bis zu 50 kW (67 PS) und 100 Newtonmeter Drehmoment leistet – die Drosselung erfolgt rein elektronisch über die Steuerungssoftware.
Die 11-kW-Version erreicht eine Höchstgeschwindigkeit von etwa 120 km/h, die 18-kW-Variante liegt bei rund 140 km/h. Die Reichweite gibt Honda mit über 130 Kilometern an, wobei der fest verbaute 15,5-kWh-Lithium-Ionen-Akku als tragendes Chassis-Element dient und so Gewicht einspart. Das Gesamtgewicht beträgt fahrfertig 217 Kilogramm. An einer CCS2-Schnellladesäule lädt der WN7 in rund 30 Minuten von 20 auf 80 Prozent, an der heimischen Wallbox dauert die Vollladung etwa drei Stunden.
Technisch setzt Honda auf eine minimalistische Konstruktion: Der Akku bildet das zentrale Strukturelement, an dem vorne der Lenkkopf und hinten die Schwinge befestigt sind. Das spart ein klassisches Rahmenrohr und hält das Gewicht niedrig. Ausgestattet ist der WN7 mit einem 5-Zoll-TFT-Display, Honda RoadSync-Konnektivität für Navigation und Telefonie sowie drei Fahrmodi (Eco, Standard, Sport). Der Preis für die A1-Version liegt laut ersten Händlerangaben bei etwa 10.500 Euro, die A2-Variante kostet circa 11.200 Euro. Auslieferungen in Deutschland starteten im August 2026.
Verge TS Ultra: Feststoffakku-Technik für B196-Käufer verfügbar
Der finnische Hersteller Verge Motorcycles hatte mit der TS Pro Anfang 2026 für Aufsehen gesorgt: Erstes Serienmotorrad mit Feststoffakku, 595 Kilometer Reichweite, Ladezeit von zehn Minuten für 300 Kilometer. Das Problem: Die TS Pro leistet 80 kW und kostet ab 36.581 Euro – für A1-Fahrer nicht zugänglich. Doch Verge bietet mit der TS Ultra eine Version mit klassischem Lithium-Ionen-Akku, die werksseitig auf 11 kW gedrosselt angeboten wird.
Die TS Ultra nutzt den charakteristischen Radnabenmotor von Verge – der Motor sitzt direkt im Hinterrad, es gibt weder Kette noch Riemen. Die Leistung wird elektronisch auf 11 kW begrenzt, das maximale Drehmoment liegt bei 900 Newtonmetern am Rad (nicht an der Kurbelwelle). Die Höchstgeschwindigkeit beträgt in der A1-Version 120 km/h, die Reichweite 250 Kilometer. Der 17,3-kWh-Akku lädt per CCS2 in 40 Minuten auf 80 Prozent. Das Gewicht: 255 Kilogramm fahrfertig. Der Preis für die gedrosselte Version liegt bei 19.990 Euro.
Besonderheit bei Verge: Die Drosselung lässt sich gegen Aufpreis und mit entsprechendem Führerschein wieder entfernen – der Käufer erwirbt quasi die volle Hardware, zahlt aber nur für die aktuell freigeschaltete Leistung. Wer später den A-Führerschein macht, kann per Software-Update auf die vollen 80 kW upgraden. Verge nennt das „Future-Proof-Konzept“. In der Praxis bedeutet das: Man kauft kein Wegwerf-A1-Bike, sondern ein vollwertiges Motorrad, das mitwächst.
Weitere Modelle: LiveWire, Energica und Niche-Player
Auch LiveWire, die ehemalige Elektro-Tochter von Harley-Davidson, bietet die LiveWire One inzwischen als A1-Variante an. Die ursprünglich mit 78 kW angetretene Sportmaschine wird auf 11 kW gedrosselt, behält aber ihren 15,5-kWh-Akku und die hochwertige Fahrwerksausstattung mit Brembo-Bremsen und Showa-Federelementen. Die Höchstgeschwindigkeit sinkt auf 115 km/h, die Reichweite bleibt bei etwa 150 Kilometern. Der Preis: stolze 24.990 Euro – damit ist die LiveWire One das teuerste A1-Elektromotorrad am Markt.
Der italienische Hersteller Energica hatte seine Modelle Ego und Eva Ribelle lange Zeit nicht als A1-Versionen angeboten, lenkt aber seit 2025 um. Die Energica Ego+ gibt es nun auch mit 11-kW-Drosselung – bei 21,5-kWh-Akku, 200 Kilometern Reichweite und einem Preis von 22.500 Euro. Das Gewicht von 260 Kilogramm und die sportliche Sitzposition machen die Ego+ eher zur Wahl für erfahrene Fahrer, die vom Verbrenner kommen und gezielt ein E-Bike suchen.
Kleinere Hersteller wie der deutsche Anbieter Horwin setzen auf günstigere Einstiegsmodelle: Die Horwin CR6 Pro kostet ab 6.999 Euro, leistet 11 kW, wiegt 135 Kilogramm und bietet mit ihrem 4,3-kWh-Akku etwa 100 Kilometer Reichweite. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 110 km/h. Technisch bewegt sich die CR6 auf 125er-Niveau mit einfacher Ausstattung – kein Vergleich zu den Premiummodellen, aber für Pendler mit kurzen Strecken eine bezahlbare Option.
Technische Unterschiede: Dauerleistung versus Spitzenleistung
Die A1-Regelung begrenzt die Dauerleistung auf 11 kW und das Leistungsgewicht auf maximal 0,1 kW pro Kilogramm. Das bedeutet: Ein Motorrad mit 11 kW darf nicht leichter als 110 Kilogramm sein. E-Motorräder haben hier einen Vorteil: Ihr Akku sorgt für Gewicht, sodass die Grenze praktisch nie unterschritten wird. Gleichzeitig dürfen E-Motoren – anders als Verbrenner – kurzzeitig mehr leisten. Die Zero S etwa gibt ihre 11 kW als Nennleistung an, liefert in der Spitze aber durchaus 15 bis 18 kW für wenige Sekunden. Das ist legal, weil nur die Dauerleistung zählt.
Diese Auslegung führt dazu, dass E-Motorräder trotz identischer Nennleistung deutlich agiler wirken als 125er-Verbrenner. Das maximale Drehmoment liegt beim E-Motor bei null Umdrehungen an, während ein Verbrennungsmotor erst bei 8.000 bis 10.000 Umdrehungen sein Maximum erreicht. In der Praxis überholen A1-E-Motorräder im Stadtverkehr problemlos gedrosselte 48-PS-Maschinen – einfach weil das Ansprechverhalten und die Durchzugskraft völlig anders sind.
Reichweite und Ladeinfrastruktur: Der Alltags-Check
Die Reichweiten der aufgeführten Modelle liegen zwischen 100 Kilometern (Horwin CR6 Pro) und 262 Kilometern (Zero S). Für den täglichen Weg zur Arbeit reicht das locker – die meisten Berufspendler in Deutschland fahren laut Statistischem Bundesamt weniger als 25 Kilometer pro Strecke. Zum Problem wird die Reichweite bei längeren Touren: Eine 200-Kilometer-Tagesetappe mit einem A1-E-Motorrad bedeutet mindestens eine Ladepause, oft zwei.
Die Ladegeschwindigkeit entscheidet über die Alltagstauglichkeit. Modelle mit CCS2-Schnellladung wie der Honda WN7 oder die Verge TS Ultra laden in 30 bis 40 Minuten auf 80 Prozent – das entspricht einer Kaffeepause. Wer nur Zugang zu Schuko- oder Typ-2-AC-Ladung hat, wartet drei bis sechs Stunden auf eine Vollladung. Zero setzt auf ein optionales 3-kW-Schnellladegerät, das per normalem 230-Volt-Anschluss in unter einer Stunde lädt – ein Kompromiss zwischen Ladezeit und Infrastruktur.
Wichtig für B196-Fahrer: Die meisten laden zu Hause. Wer eine Garage oder einen Stellplatz mit Stromanschluss hat, steckt das Bike abends an und startet morgens mit vollem Akku. Öffentliches Laden wird nur bei längeren Touren relevant – und da zeigt sich: Die Ladeinfrastruktur für Motorräder ist dünner als für Autos. CCS2-Säulen stehen oft zugeparkt, oder die Kabel sind zu kurz, weil der Ladeanschluss am Motorrad ungünstig sitzt. Das ist lösbar, erfordert aber Planung.
Preis-Leistung: Lohnt sich ein E-Motorrad mit B196?
Ein neues A1-E-Motorrad kostet zwischen 6.999 Euro (Horwin CR6 Pro) und 24.990 Euro (LiveWire One). Die meisten etablierten Modelle liegen zwischen 10.000 und 12.000 Euro – etwa doppelt so viel wie eine gut ausgestattete 125er-Verbrennermaschine. Dafür entfallen Ölwechsel, Ventilspielkontrolle, Zündkerzenwechsel und Kupplungsverschleiß. Die Wartungskosten sinken auf ein Minimum: Bremsbeläge, Reifen, Lager – mehr gibt es nicht.
Die Betriebskosten liegen bei etwa 1,50 bis 2 Euro pro 100 Kilometer (Strompreis 35 Cent/kWh, Verbrauch 4 bis 6 kWh/100 km). Ein 125er-Verbrenner braucht 2,5 bis 3,5 Liter auf 100 Kilometer, das sind bei 1,80 Euro/Liter zwischen 4,50 und 6,30 Euro. Auf 10.000 Kilometer gerechnet spart das E-Motorrad 300 bis 400 Euro. Die höheren Anschaffungskosten amortisieren sich bei durchschnittlicher Fahrleistung nach etwa fünf bis sieben Jahren – für Vielfahrer deutlich schneller.
Dazu kommt die Versicherung: E-Motorräder gelten als sicherer, weil sie langsamer beschleunigen und weniger Unfälle bauen. Die Haftpflichtprämien liegen oft 20 bis 30 Prozent unter denen vergleichbarer Verbrenner. Manche Versicherer bieten spezielle Ökotarife mit weiteren Rabatten. Die Kfz-Steuer entfällt für reine Elektrofahrzeuge bis Ende 2030 komplett – danach gilt eine reduzierte Steuer.
Kaufberatung: Welches Modell für welchen Zweck?
Für Pendler mit kurzen Strecken (unter 50 Kilometer täglich) reicht die Horwin CR6 Pro. Günstig, leicht, ausreichend Reichweite, zu Hause ladbar. Wer mehr Qualität und Langlebigkeit will, greift zur Zero S – der Klassiker mit bewährter Technik, gutem Wiederverkaufswert und solider Händlerstruktur in Deutschland.
Für Allrounder mit Landstraßenambitionen ist der Honda WN7 die erste Wahl. Solide Technik, gutes Preis-Leistungs-Verhältnis, flächendeckende Werkstattanbindung. Die 11-kW-Version genügt für Überlandfahrten, die Ergonomie passt für längere Strecken. Und wer später auf A2 erweitert, kann auf die 18-kW-Version upgraden.
Für Technik-Enthusiasten mit Zukunftsperspektive lohnt die Verge TS Ultra. Der Radnabenmotor ist einzigartig, das Future-Proof-Konzept ermöglicht spätere Leistungs-Upgrades, und die Verarbeitungsqualität liegt über dem Durchschnitt. Der höhere Preis rechnet sich, wenn man das Bike langfristig fährt und später auf die Vollversion upgradet.
Für Sportfahrer, die nur wegen der Führerscheinregelung auf 11 kW begrenzt sind, bleibt die LiveWire One oder Energica Ego+. Beide Bikes sind überdimensioniert für A1, bieten aber Fahrwerksqualität und Bremsen auf Supersport-Niveau. Wer weiß, dass er in zwei Jahren den A-Führerschein macht, investiert hier in Hardware, die danach voll nutzbar ist.
Fazit: E-Motorräder profitieren von B196-Regelung massiv
Die B196-Erweiterung hat den Markt für leichte Elektromotorräder deutlich belebt. Hersteller wie Zero, Honda, Verge und LiveWire bieten inzwischen werksseitig gedrosselte Modelle an, weil sie das Potenzial erkannt haben: Autofahrer ab 25 mit Interesse an E-Mobilität sind eine kaufkräftige Zielgruppe, die nicht den A-Führerschein machen will, aber mehr als E-Scooter sucht.
Die technischen Eigenschaften von E-Motorrädern – sofortiges Drehmoment, rein elektronische Drosselung, geringe Wartung – passen perfekt zur A1-Beschränkung. Anders als bei Verbrennern fühlt sich ein 11-kW-E-Motorrad nicht wie ein kastriertes Vollblut an, sondern wie eine eigenständige, in sich stimmige Maschine. Die Reichweite reicht für den Alltag, die Ladeinfrastruktur wächst, und die Preise sinken langsam.
Wer als Autofahrer über den Einstieg ins Motorradfahren nachdenkt, findet mit B196 und einem gedrosselten E-Motorrad eine Kombination, die vor fünf Jahren noch undenkbar war. Neun Fahrstunden, kein Prüfungsstress, sofort losfahren – und dabei ein Fahrzeug bewegen, das sich nicht wie ein Kompromiss anfühlt, sondern wie ein vollwertiges Motorrad.
Mehr Informationen zu den verfügbaren Modellen finden sich auf den Herstellerseiten von Zero Motorcycles und Honda Motorcycles.
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